Die Sache Christi

Nichts soll verloren gegeben werden

Die SACHE CHRISTI kennt das Suchen des Verlorenen, jene Tatsache, das uns ein ein solches als natürlicher Drang innewohnt.

Damit argumentiert Jesus in Luk. 15, 1-10:

Es pflegten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder zu nahen, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt Sünder an und isst mit ihnen! Er sagte aber zu ihnen dieses Gleichnis und sprach: Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat und eines von ihnen verliert, lässt nicht die neunundneunzig in der Wildnis und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es auf seine Schulter mit Freuden; und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war! Ich sage euch, so wird auch Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die keine Buße brauchen! Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat, zündet nicht, wenn sie eine Drachme verliert, ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie sie findet? Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und die Nachbarinnen zusammen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte! Ich sage euch, so ist auch Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

Die SACHE CHRISTI kennt diesen merkwürdigen Zug in unserer Natur, der uns drängt, das Verlorene um seiner selbst willen zu suchen und wieder zu finden. Diese Erregung darüber, dass überhaupt etwas verloren sei, sowie die Unmöglichkeit, das einfach so hinzunehmen.

Leonhard Ragaz:

Dieser Drang, das Verlorene zu suchen, stammt aus der gewaltigen Grundempfindung, dass alle Dinge aus Gott sind und in ihm zusammengehören; dass sie in ihm ein heiliges Ganzes bilden, aus dem nichts herausgebrochen werden darf ... Denn die Liebe will Einheit. Sie kann nicht verlorengeben. Die Grunderkenntnis wird zur Grundempfindung und wird zur Grundverpflichtung, oder, in diesem Sinn, zur Grundschuld.

Es darf keine Verlorenen geben, auch keine sittlich Verlorenen.

Darum geht eine Elisabeth Fry zu den Verdammten der furchtbaren Kerker ihrer Zeit; darum geht eine Josefine Butler zu den Frauen in den Höllen der Bordelle – beide nicht, um ihnen zu predigen, sie zur Buße zu rufen, Ihnen Gericht zu verkündigen, sondern um sie zu besuchen, als Schwestern; darum gehen Katharina und Charles Booth zu dem Volke der Slums ... Es darf keine Slums mehr geben. Es darf keine Wohnungen mehr geben, worin die Menschen verloren gehen, und es darf keine Wohnungsnot geben. Es darf keine Lasterhöllen mehr geben. Es darf keine Zuchthäuser mehr geben. Es darf auch keine Todesstrafe mehr geben. Es darf – in diesem Sinne – keine Zöllner und Sünder mehr geben. Es darf keine Verlorenen mehr geben. Dass es Verloren gibt, muss ein brenndener Schmerz für den Menschen und Jünger sein, für jeden sein, der Gott kennt und liebt, den Herrn und Vater. Der Verlorene muss zurückgebracht, die Ganzheit in Gott muss wiederhergestellt werden und damit die Gleichheit von Mensch zu Mensch. (L. Ragaz)

Gleiches ist zu sagen von den sozial Verlorenen, den Sklaven, den Ausgebeuteten, den Enterbten, den Enteigneten, den Unterdrückten, den unteren Klassen der Armen und Proletarier, auch den Alten, den Kranken, den Kindern. – und nicht zu vergessen: den Arbeitslosen.

Es darf aber auch keine Arbeit geben, worin der Mensch verloren geht; und darum darf es keinen Kapitalismus geben, worin die Seele des Arbeiters wie auch des Unternehmers zu gunsten des Profits verlorengeht

Die tiefe Grundempfindung, dass es Verlorenes nicht geben darf, dass das Verlorene gesucht werden muss, das das in Gott beschlossene Ganze und darin die Gleichheit wiederhergestellt werden muss, ist der bewusste oder unbewusste Grundtrieb fast aller sozialen Umgestaltung. Sie hat deren Propheten und Pioniere getrieben: von Pestalozzi und Owen bis zu Marx und auch Lenin. Sie stammt aber – ob man sie nenne und bekenne oder nicht – von Gott, von Christus. (L. Ragaz)

Auch für die religiös Verlorenen gilt: Es darf keine solchen geben, die aus dem Verhältnis zu Gott ausgeschlossen wären. Die Pharisäer aber wollen die Abscheidung von den 'Zöllnern und Sündern', wollen sich selbst zur Geltung bringen.

Die Moral von der Geschicht'

  1. Das Suchen des Verlorenen hat eine unendliche Dringlichkeit.
  2. Es darf nichts verlorengegeben werden; das Verlorene muss gesucht werden, die Ganzheit Gottes erfordert es.
  3. Jede zerstörte Landschaft ohne Not, jede ausgerottete Planze, jedes ausgerottete Tier,ja jedes getötet Tier ohne Not muss uns ein Schmerz sein, eine drückende Schuld. Es ist Frevel, es ist Raub am Ganzen der Schöpfung.
  4. Gott gibt nichts verloren, weder von seiner Schöpfung noch von seiner Erlösung; es soll alles einst wiedergebracht werden, es soll alles zum Ganzen heimgeholt werden.
  5. Gott gibt auch nichts dem Tode verloren; zuletzt wird auch dieser die Toten wieder hergeben müssen in der Auferstehung.