Die Sache Christi

Die Schöpfung

Der Schöpfungsbericht der Bibel (oder richtiger gesagt die Erzählung von der Schöpfung ist keine naturwissenschaftliche Urkunde sondern das mythische Symbol des Einen, heiligen und lebendigen Gottes,

Das Bild einer Welt als Kosmos (kunstvoll und schön gestaltete Ordnung) verdeckt und versteckt die unheilvollen Mächte, die z.B. im Fatum und Mechanismus wirken, statt sie anzugreifen, zu überwinden und zu besiegen. So bleibt die Welt unverändert und Schuld, solziales Unrecht, Leid, Elend, Not und Tod werden zur 'göttlichen Weltordnung' verklärt.

"Ganz anders ist da der Schöpfer-Gott. Von ihm geht Sinn aus, der jede Einzelheit prägt, mit Eigenart und Wert bedenkt und die Vielheit, unter Gottes heiligem Recht stehend, zusammenhält. Er trifft Entscheidungen, waltet in der Zeit – so entsteht Geschichte. Weil sie aus dem absolut Guten stammt, ist sie auf das absolut Gute hin angelegt ... Alles Geschehen bekommt einen einheitlichen Sinn, ein einheitliches Ziel. Es waltet daraüber ein Plan Gottes, den aber der Mensch in Freiheit soll verwirklichen helfen. Es wird Veränderung der Welt möglich und notwendig." (L. Ragaz)

Fazit:

Die Welt ist nicht fertig, und Gott ist nicht fertig. Er ist der sich weiterhin Offenbarende. Sein Ziel ist das vollendete Reich Gottes mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnt (2. Pet. 3, 13).

'ex nihilo'

Die Schöpfung aus dem Nichts (ex nihilo) meint, dass der Schöpfer-Gott nicht an vorhandenes Material gebunden ist. "Denn er sprach, und es geschah; er gebot, und es stand da." (Ps. 33, 9)

"Durch Glauben verstehen wir, dass die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind, sodass die Dinge, die man sieht, nicht aus Sichtbarem (oder besser: aus Nicht-Sichtbarem) entstanden sind." (Heb. 11, 3)

Gott schafft aus sich selbst heraus. "Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Ehre in Ewigkeit! Amen." (Röm. 11, 36)

"Im Anfang war das Wort (logos = Sinn, Gehalt), und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist." (Joh. 1, 1+2)

Bei der Erzählung von der Schöpfung in der Bibel handelt es sich nicht um einen einmaligen, abgeschlossenen Akt, sondern um eine 'creatio continua' – eine fortlaufende Schöpfung.

'Creation goes on' lautet die aktuelle Erkenntnis der Astronomie über ein sich weiterhin ausdehnendes Universum in recht engen Parametern, das gleich einem 'Ritt auf der Rasierklinge', weder in sich zusammenfällt noch explodiert.

Die Schöpfung ist nicht fertig, sie geht weiter – Gott entgegen. Das Schaffen geht weiter: "Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke auch." (Joh. 5, 17) Das Schaffen gehört zum Wesen Gottes: Er hat geschafft und er schafft weiter.

Der Zeit-Faktor

In der Schöpfungserzählung der Bibel ist die Zeit nicht eine chronologische, eine 'Uhren-Zeit', sondern eine 'Sinn-Zeit'. Das meint, dass die Schöpfung quasi ein "Ur-Datum aller Wirklichkeit" ist. 'Im Anfang' hat zwar im tiefsten Sinn auch eine geschichtliche Bedeutung, jedoch nicht eine chronologische; 'im Anfang' könnte man auch übersetzen mit 'im Prinzip'.

Die Zeit ist "Grundstoff aller Wirklichkeit. Denn sie ist Gottes Wort und Tat selbst. Sie ist die Art, wie der lebendige Gott aus seiner lebendigen Ewigkeit in die Geschichte eintritt. Sie ist mit der anderen Wirklichkeit, der Freiheit, auf's Engste verbunden. Denn in der Zeit vollzieht sich die Entscheidung ... wird, im Großen wie im Kleinen Geschichte. Der heilige und lebendige Gott waltet im 'Tag' und in der 'Stunde', er waltet im 'Augenblick' ... Sie ist, wie übrigens auch der Raum, nicht der fremde Rahmen, worin das Tun Gottes (und des Menschen!) eingespannt wäre, sondern ist selbst die einmalige und fortdauernde Schöpfung Gottes. Wobei die Zeit mehr das Schaffen, der Raum mehr das Ruhen Gottes, die Zeit mehr die Lebendigkeit, der Raum mehr die Stetigkeit Gottes, die Zeit mehr die Heiligkeit, der Raum mehr die Allgegenwart Gottes ausdrückt – alles in lebendiger Wechselwirkung, in Harmonie und Gegensatz zugleich ... es darf keine Starrheit des Begriffes an die Stelle des lebendigen Schauens treten. Namentlich gilt dies von Zeit und Raum. Wenn diese Erstarrung eintritt, die eine Ablösung von dem lebendigen Gott ist, dann bekommen wir jenes tote Schema, in welches die lebendige Wirklichkeit gepresst wird, wir bekommen das, was Bergson die Raum-Zeit (temps-espace) nennt, wir bekommen die Uhren-Zeit und den Meter-Raum, wir bekommen zuletzt an Stelle der Schöpfung die Maschine, an Stelle des göttlichen Augenblicks das Fatum und an Stelle des Geistes die Materie." (L. Ragaz)