Die Sache Christi

Das Reich Gottes

(auch Himmelreich genannt)

Das Evangelium vom Reich Gottes ist die Verkündigung der rechtmäßigen Herrschaft Gottes über die Erde, so wie sie von Johannes dem Täufer und Jesus proklamiert worden ist, sowie die Wiederherstellung der gesamten Schöpfung Gottes durch seinen Christus wie es von den Aposteln her weiter verstanden wurde und überliefert ist.

Der Poet fasst dieses Evangelium in folgende Worte:

Er liebt Gerechtigkeit und Recht; die Erde ist erfüllt von der Güte des HERRN. (Ps. 33, 5)

Eine Welt der Gerechtigkeit und des Rechts, die darum auch mit der Güte Gottes erfüllt sein kann – das ist das Evangelium Gottes.

Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel und die Erde und alles, was in ihr ist, gehört dem HERRN, deinem Gott. (5. Mo. 10, 14)

Dein, o HERR, ist die Majestät und die Gewalt und die Herrlichkeit und der Glanz und der Ruhm! Denn alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein. Dein, o HERR, ist das Reich, und du bist als Haupt über alles erhaben! (1. Chr. 29, 11)

Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner. (Ps. 24, 1)

Dein sind die Himmel, dir gehört auch die Erde, der Erdkreis und was ihn erfüllt; du hast es alles gegründet. (Ps. 89, 12)

Die neutestamentlichen Apostel nehmen diese Wahrheit auf: Denn 'dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt'. (1. Ko. 10, 26)

Das Gebet 'Dein Reich komme' sagt, wohin es kommen soll: auf die Erde. Denn da ist es nicht. Da herrschen andere Reiche:

angefangen bei den Ägyptern bis hin zu den Assyrern, weiter zu den Babyloniern und Persern, von da zu den Griechen und dem bis damals gewaltigsten von allen, dem Römerreich bis hinein in unsere heutige Welt mit der Vorherrschaft der deregulierten und daher ungezügelten Marktwirtschaft und dem Turbo-Kapitalismus.

Leonhard Ragaz:

Reich Gottes ist bloß da, wo der Mensch sich Gott zur Verfügung stellt zur Wiederherstellung und Fortführung der Schöpfung. Reich Gottes ist also da, wo Christus waltet. Sein Reich ist da, wo seine Kräfte hervorbrechen. Reich Gottes ist da, wo eine neue Welt erscheint, wo dieser Aeon ('diese Welt') durch den kommenden verdrängt wird und damit das Weltleben durch das ewige Leben. Mit anderen Worten: Reich Gottes ist da, wo der heilige Geist waltet und schafft.

Diesen Reichen tritt das Gottesreich entgegen mit einem Weltentwurf von Recht und Gerechtigkeit:

Papst Franziskus:

Papst Franziskus

Evangelisieren bedeutet, das Reich Gottes in der Welt gegenwärtig zu machen ... Im Mittelpunkt des Evangeliums selbst stehen das Gemeinschaftsleben und die Verpflichtung gegenüber den anderen ... Das Angebot ist das Reich Gottes (vgl. Lk. 4, 43); es geht darum, Gott zu lieben, der in der Welt herrschaft. In dem Maß, in dem er unter uns herrschen kann, wird das Gesellschaftsleben für alle ein Raum der Brüderlichkeit, der Gerechtgikeit, des Friedens und der Würde sein. (Evangelii gaudium, 176, 177 + 180)

Jesus uns beten gelehrt: 'Dein Reich komme, dein Wille geschehe hier auf Erden wie im Himmel' und nicht: "Nimm uns in dein Reich."

Leonhard Ragaz:

Auf dieser Erde soll sein Schauplatz sein, hier soll es kommen. Damit ist ein weltgeschichtlicher Irrtum beseitigt, der bis auf diesen Tag auf der Sache Jesu lastet. Man hat schon bald, schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Geschichte, angefangen, den Schauplatz des Gottesreiches von der Erde weg in den Himmel zu verlegen. Statt dass der Himmel zur Erde kommen sollte und die Erde mit seinem Glanz erfüllen, sollte die Erde in den Himmel kommen. Im fernen Himmel lag Gottes Reich. Dort war die Vollendung. Hier auf Erden war aber Satans Reich, die Herrschaft der Sünde und des Elendes. Hier konnte es sich nur darum handeln, Seelen aus dem Fluch der Erbsünde herauszureißen und sie für den Himmel vorzubereiten; das besorgte die Kirche oder, bei den Protestanten, der Glaube an Jesu sühnendes Leiden. Im übrigen blieb die Welt unverbesserlich, ihre Ordnungen galten im wesentlichen als unabänderlich. – Diese ganze Entwicklung wird auch ein geschichtliches Recht gehabt haben, wir können das heute nicht untersuchen, aber eine verhängnisvolle Wirkung hat sie doch gehabt: sie hat die Kraft des Stoßes, der von Jesus herkam, gelähmt, sie hat die Welteroberungsluft des Christentums gehemmt und es an den Gedanken gewöhnt, dass man hienieden vor den Weltgewalten Gut und Böse kapitulieren müsse und erst im Himmel Raum sei für eine vollendete Erfüllung von Gottes Forderung und Verheißung. Das ganze Evangelium wird zu einer Anweisung, in den Himmel zu kommen, unser ganzes religiöses Leben an der Himmelshoffnung oder Höllenfurcht orientiert, damit die Sittlichkeit verunreinigt und die Religion dem Egoismus ausgeliefert.

Hier soll es passieren. Diese Erde, diese Welt und vor allem wir selbst sollen Reich Gottes sein. Dazu muss eine Umkehr passieren; es muss das Gegenteil geschehen von dem, was die Welt jetzt tut. Wir können z.B. nicht mehr dem Mammon dienen, wenn das Reich Gottes kommen soll, denn dieser ist ein Feind Gottes.

Die Bergpredigt ist die Magna Charta dieser Gottesherrschaft auf der Erde, quasi seine Grundordnungen:

Dieses Reich ist keine Kirche, es ist keine Religion, es ist ganz und gar weltlich.

Es ist nicht ein religiöses System von Ansichten und Gedanken über Gott und die Welt, es besteht nicht in Vorschriften über die Lebensführung oder das Halten von Gebräuchen, es ist keine Organisation oder Einrichtung.

Es ist unendlich viel weiter als jede Kiche und besteht vor allem nicht bloß in Worten. Für Gottes Reich arbeiten die Winde, die flüsternd oder brausend die Erde durcheilen, die Wellen des Meeres, die die Gestalt dieses Planeten bilden helfen und ihm Leben spenden, die Naturkräfte alle, die in Luft, Wasser und Erdreich rastlos und zahllos schaffen Tag und Nacht. Alle sind sie so fleißig im Dienst der Pläne Gottes. Für Gottes Reich arbeitet der Gelehrte, der einer neuen wissenschaftlichen Wahrheit nachgeht, denn auch sie wird irgendwie in den Dienst des schaffenden Gottes treten; für Gottes Reich der Erfinder einer neuen Maschine, die Leistungen ermöglicht, die vorher nicht vollbracht werden konnten – auch die Technik ist Gottes Gehilfin; für Gott jeder Arbeiter, der einen Tunnel, eine Brücke, ein Schiff bauen hilft, denn auch durch Eisenbahnen, Schiffe und Straßen will Gottes Herrschaft kommen; für Gott schafft jeder Arbeiter mit Kopf, Hand oder Herz, wenn sie richtig arbeiten. Jeder gute Gedanke, der verborgen durch eines Menschen Herz zieht, schafft für Gott. (L. Ragaz)