Die Sache Christi

Die Lohnfrage

Menschen rechnen miteinander: was einem selbst gehöre und was den andern. Dabei kommt möglichst viel für uns selbst heraus – und für die andern entsprechend wenig. Für uns selbst buchen wir die Verdienste und sammeln sie als Lohnposten zu einem möglichst umfangreichen Tugendregister auf. Für die andern buchen wir lieber die Fehler. Wir zählen ihnen gern die Schuldposten auf. Wir rechnen ihnen gern unser Recht und ihr Unrecht vor.

Die Nichtbesitzenden rechnen den Privilegierten ihre Schuld vor (Schlagwort: Eigentum ist Diebstahl). Die Besitzenden rechnen im Gegenzug aus, was sie den andern geben müssen, aber bloß nicht mehr als das. Und so wird die Rechnung immer größer und am Ende steht die große Kluft.

Das Rechnen ist so zum Maßstab der ganzen sozialen Ordnung geworden: das, was man verdient hat, – der eine mehr, der andere weniger. Und mit diesem Maßstab ist Gottes heiliges Recht ersetzt worden, und damit auch das Menschenrecht.

Das gilt auch im Religiösen:

Die einen pochen darauf, dass sie die ersten gewesen sind, dass sie früher dran waren und darum mehr Recht haben; so die Judenchristen gegenüber den Heidenchristen, so die Katholiken gegenüber den Protestanten und nicht zuletzt die Gläubigen gegenüber den Ungläubigen. Daraus entsteht dann die schlimmste aller Klüfte: die religiöse Kluft. (L. Ragaz)

Wir rechnen – und rechten! – auch mit Gott, wenn wir ihm die Schuld geben am Unrecht, das geschieht.

Die Ursache des Rechnens und Rechtens ist der Besitz. Der materielle Besitz wie der geistige ... es ist der Besitz, der sich auf sich versteift, der sich aus dem Ganzen Gottes herauslöst und sich absolut setzt. (L. Ragaz)

Die SACHE CHRISTI hingegen weiß um Gott als Besitzer und die Menschheit als Solidargemeinschaft von Gleichen.

Davon redet Jesus in Mat. 20, 1-16:

Denn das Reich der Himmel gleicht einem Hausherrn, der am Morgen früh ausging, um Arbeiter in seinen Weinberg einzustellen. Und nachdem er mit den Arbeitern um einen Denar für den Tag übereingekommen war, sandte er sie in seinen Weinberg. Als er um die dritte Stunde ausging, sah er andere auf dem Markt untätig stehen und sprach zu diesen: Geht auch ihr in den Weinberg, und was recht ist, will ich euch geben! Und sie gingen hin. Wiederum ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Als er aber um die elfte Stunde ausging, fand er andere untätig dastehen und sprach zu ihnen: Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt! Er spricht zu ihnen: Geht auch ihr in den Weinberg, und was recht ist, das werdet ihr empfangen! Als es aber Abend geworden war, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Rufe die Arbeiter und bezahle ihnen den Lohn, indem du bei den Letzten anfängst, bis zu den Ersten. Und es kamen die, welche um die elfte Stunde eingestellt worden waren, und empfingen jeder einen Denar. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; da empfingen auch sie jeder einen Denar. Und als sie ihn empfangen hatten, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgemacht, die wir die Last und Hitze des Tages getragen haben! Er aber antwortete und sprach zu einem unter ihnen: Freund, ich tue dir nicht unrecht. Bist du nicht um einen Denar mit mir übereingekommen? Nimm das Deine und geh hin! Ich will aber diesem Letzten so viel geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht, mit dem Meinen zu tun, was ich will? Blickst du darum neidisch, weil ich gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Denn viele sind berufen, aber wenige auserwählt.

Die SACHE CHRISTI betrachtet die Güter der Erde als Gottes Eigentum und Recht und damit als Gemeinbesitz aller Völker.

Haben ist Verpflichtung zum Geben – bis zur Ausgleichung: Damit ein jeder habe, was er für den Tag braucht (– sogar unabhängig von dem, was er dafür geleistet hat).

Bedingungsloses Recht auf sichere Existenz und gesellschaftliche Teilhabe:

Auf diesem Boden entstand die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen (BGE), wonach jedes Gesellschaftsmitglied an den Gesamteinnahmen dieser Gesellschaft ohne Bedürftigkeitsprüfung beteiligt ist. Diese Idee ist mittlerweile ein globales Phänomen: z.B. in den USA unter dem Namen Basic Income Guarantee (BIG), in der Sowjetunion heißt es Garantiertes Minimum und seit den 1920er Jahren spricht man in Australien, Großbritannien, Kanada und Neuseeland von Social Credit. Im deutschen Sprachraum heißt es entweder Sozialdividende, Existenzgeld oder bedingungsloses Grundeinkommens (BGE). In der Schweiz entwickelt die Initiative Grundeinkommen ein Modell zur Umsetzung eines BGE und erstrebte dabei erfolgreich eine Eidgenössische Volksinitiative.

Nach dem Verständnis der Initiative Grundeinkommen sind insbesondere zwei gesellschaftliche Phänomene für ein bedingungsloses Grundeinkommen von Bedeutung:
Zum einen die Rationalisierung der Arbeit. Denn gemäss der Initiative hinkt die soziale und kulturelle Entwicklung der technischen Entwicklung hinterher. Eine unzureichende soziale Bewertung erfahren zum Beispiel die Pflege und Fürsorge für andere Menschen, die Kindererziehung oder der Einsatz für die Umwelt aus eigener Initiative. Die schrittweise Entflechtung der Arbeit vom Einkommenszweck könne diese Unterbewertung gemäss der Initiative wesentlich aufheben.
Der andere Punkt ist der soziale Ausgleich. Aus Sicht der Initiative stammt die Festsetzung der Steuer anhand der Leistungsfähigkeit und den daraus resultierenden Einkommen aus der Zeit, als Selbstversorgung vorherrschte. In der heutigen Zeit der globalen 'Fremdversorgung', wo Selbstversorgung kaum mehr möglich ist und jeder fast ausschliesslich von den Leistungen anderer lebt, sei es sinnvoll, die Steuer nicht mehr in der Herstellung, sondern an der Stelle des Kaufs und Verbrauchs von Gütern und Dienstleistungen in Form einer Konsumsteuer zu erheben.
Zum Umfang der Umverteilung schlägt die Initiative vor: Jeder Bürger solle einen festen Geldbetrag bekommen, ohne Vorbedingung, ohne Bedürftigkeitsprüfung. Die Initiative hält die Umstellung auf ihr Grundeinkommensmodell für weitgehend kostenneutral. Sie geht davon aus, dass heute schon jeder ein Einkommen hat, "sonst könnte er ja gar nicht leben" (Enno Schmidt). Konkret werden für die Schweiz 2.500 Franken (in der Kaufkraft entspricht dies ca. 2.000 Euro) für Erwachsene genannt. Für Kinder wird ein altersabhängiger Betrag vorgeschlagen. Durch die öffentliche Verwaltung zugewiesene Einkommensarten sollten dort erhalten bleiben, wo sie in ihrem Betrag über dem Grundeinkommen liegen. Mehr Geld hätten nur die, die heute weniger Geld als das Grundeinkommen haben. Die Vereinfachung durch das Grundeinkommen würde, so die Initiative, die Sozialverwaltung entlasten und Mittel freigeben. Für die Ausbezahlung der Grundeinkommen im Bereich der Erwerbseinkommen würde sich die Staatsquote dementsprechend erhöhen.(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Initiative_Grundeinkommen)

Hier tritt an die Stelle des Lohnrechnens die Grundempfindung von Gleichheit und Solidarität und an die Stelle der Behauptung des eigenen Rechts im Sinne der Leistungsfähigkeit und des Einkommen die Verpflichtung gegen den Menschen überhaupt.

Hier geschieht die große Wendung:

Hier werden wir als Menschen aus Gläubigern zu Schuldnern. Hier haben wir dem andern sein Recht zu geben und mehr als das.

Röm. 13, 8: Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt.

Eigenes Recht ist Raub an Gottes Recht – und damit Schuld. Zu haben, was der andere zugleich nicht haben kann, verpflichtet: Nämlich dazu, dass wir dem anderen davon gegeben, sei's in Form eines Rechtes (z.b. freies Nutzungsrecht) oder als freie Gabe.

Auch im Bezug auf den Glauben, den rechten, gilt das:

Wer gibt dir den Vorzug? Und was besitzt du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich, als ob du es nicht empfangen hättest? (1. Kor. 4, 7)

Luk. 17, 7-10: Wer aber von euch wird zu seinem Knecht, der pflügt oder weidet, wenn er vom Feld heimkommt, sogleich sagen: Komm' her und setze dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendbrot, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe, und danach sollst du essen und trinken? Dankt er wohl jenem Knecht, dass er getan hat, was ihm befohlen war? Ich meine nicht! So sollt auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen war, sprechen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren!

Die SACHE CHRISTI attackiert den falschen Stolz: auf das, was geleistet worden ist und die Selbstgerechtigkeit, die daraus fließen kann. Es ist dieses Das-haben-wir-uns-verdient-Bewusstsein, das uns ein trügerisches Recht auf Selbstzufriedenheit gibt.

Die SACHE CHRISTI hingegen macht auf drastische Weise die Souveränität Gottes klar: die Strenge der unendlichen Forderung des Guten, welche den Stolz auf das, was wir sittlich geleistet haben, zerstört.

Sich einbilden, man habe die Forderung Gottes erfüllt, kann man nur, wenn man diese für begrenzt hält. Das Gute aber ist unbegrenzt; die Forderung Gottes ist unendlich, wie Gott selbst unendlich ist. Jede Erfüllung bleibt weit, unendlich weit unter der Forderung. (L. Ragaz)

Die Moral von der Geschicht'

  1. Wir leben aus Gott, aus der Ganzheit Gottes und aus der Ganzheit seiner unendlichen Güte, nicht aus dem Rechnen und Rechten.
  2. Die Gnade, welche Ausdruck der Ganzheit Gottes ist, rechnet nicht; sie ist nie bloß ein Stück, sie ist überall ganz und damit auch ganz genügend. (siehe 2. Kor. 12, 9)
  3. Gott rechnet nicht; er ist überschwenglich reich. Und darum ist auch der Lohn ein ganzer, d.h. so groß wie der der anderen.

Leonhard Ragaz:

Wir dürfen stolz sein, wenn wir etwas Rechtes geleistet haben und sei's auch nur pflichtgemäß gewesen. Aber es muss Stolz sein auf unsern großen Gott, der uns das geschenkt hat – also zugleich tiefste Demut. Hochmut stellt sich nur da ein, wo wir meinen, es selbst getan zu haben. Und gerade da, wo wir etwas Überpflichtgemäßes getan haben – und das gibt es allerdingst! – stellt sich die tiefste Demut ein; denn das hätten wir am wenigsten getan ohne Gott!