Die Sache Christi

Die Liebe Gottes

Sie bildet den Inhalt und Mittelpunkt des Evangeliums und der SACHE CHRISTI.

Christoph Friedrich Blumhardt:

Die Liebe Gottes zerschmelzt alles Schlechte, alles Gemeine, alles Verzweifelte; die Liebe Gottes zwingt auch den Tod. Aber es muß eine Gottesliebe sein; eine Liebe, die auch die Feinde liebt; eine Liebe, die unentwegt durch alles hindurchschreitet wie ein Held und sich nicht beleidigen, nicht verachten, nicht wegwerfen läßt; eine Liebe, die mit dem Helm der Hoffnung auf dem Haupt durch die Weit schreitet. Wir haben es bis jetzt nicht genug gewagt, zu sagen: Jesus ist geboren, und darum sind alle Kreaturen geliebt. (Aus seiner Weihnachtspredigt von 1896)

Am stärksten wird sie in der Armen- und Krankenpflege (Diaconates) zum Ausdruck gebracht.

Sie wird weder als Privatsache noch als Sache von Vereinen, geschweige des Saates gesehen. Für die SACHE CHRISTI ist dies die Sache der Gemeinde, und zwar in dem Sinne, dass der Arme und Kranke oder Schwache ein Glied am Leib Christi und damit Bruder ist, genau so gut wie der Nicht-Arme, Gesunde oder Starke.

Sie versteht sich aus der Verpflichtung und Verantwortung der Gemeinde für ihre Glieder und par excellence der Reichen für die Armen und der Starken für die Schwachen.

Sie ist die Erfüllung des Pauluswortes in Gal. 6, 2: Einer trage des anderen Lasten, und so sollt ihr das Gesetz des Christus erfüllen!

Entsprechend der Gesamtentwicklung der SACHE CHRISTI setzt aber auch hier eine zunehmende Entfremdung ein und die Sache aller wird mehr und mehr zu einer Sache des Amtes.

Während in der ursprünglichen Gestalt des Liebesmahles noch alle mitbringen, was sie gemeinsam mit den andern verzehren, wird jetzt dieser Beitrag ('Stips'), an den Altar gelegt, aber an dem Essen wird nicht mehr teilgenommen. (L. Ragaz)

Damit sind die Armen zusehends abgesondert, es ensteht ein eigener Stand ('Klasse').

Aus dem Stips werden dann im Laufe der Geschichte die Almosen und der Zehnte. Als der im Jahre 583 auf der Synode zu Maçon als obligatorisch für alle erklärt wird, ist aus dem, was eigentlich den Armen zugedacht war, eine der schwersten Belastungen für sie geworden.

Zum Geben:

Gib allen einfältig, ohne zweifelnd zu fragen, wem du gibst, sondern gib allen. Die Empfangenden werden Gott Rechenschaft geben, warum und wozu, auch die, welche unter dem Schein einer erdichteten Not etwas nehmen. Aber wer gibt, wird ohne Schuld sein. (Hirte von Hormas)

Dadurch, dass Du wählerisch bist und dich dran machst zu prüfen, welche sich für dein Wohltun eignen und welche nicht, ist es möglich, dass du auch einige Freunde Gottes vernachlässigst. (Clemes von Alexandrien)

Immer stärker dringt aber nun der Gedanke ein, dass man durch das Almosen-Geben, besonders in der Form von größeren Geschenken Sünden tilgen könne. Und damit ist dann auch schon aus der Liebe ein religiöser Egoismus geworden.

Im Mittelalter ist aus der SACHE CHRISTI als Verheißung und Forderung des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit auf der einen Seite die Kirche mit ihrem Kultus, auf der andern Seite das Dogma und die Lehre geworden, die in Orthodoxie erstarren. Der rechte Glaube, als Zustimmung zur rechten Lehre verstanden, verdrängt die Liebe und wird zum Gegenstand von St (L. Ragaz)reitigkeiten. An die Stelle Christi tritt die Christologie und die Agape endet in der Messe.

Eine weitere Entpersönlichung der Liebe zeigt sich auch in der Form der Anstalt (Hospitium): Was ursprünglich in erster Linie für die Aufnahme von Fremdlingen bestimmt war, dient nun auch der Aufnahme von Armen, Kranken, Waisen, und so bleibt es bis in die Neuzeit hinein.

Erst durch Franziskus erwacht im Dienst an den Brüdern und vor allem an den Geringen das richtige Verhältnis von Armut und Liebe (Liebe als Motiv für die Armut) zu neuenm Leben.

In der Bettel tritt Gott dem besitzenden Menschen entgegen und erinnert ihn daran, dass sein ganzer Besitz eigentlich Gott gehört. Das Betteln wird so zu einem Akt der Liebe. (L. Ragaz)

Durch Luthers Einfluss übernimmt auch die Obrigkeit wieder die Aufgabe der Armenpflege, was gut ist. Doch durch den immer stärker werdenden Geist der Bürgerlichkeit wird Armut zunehmend als persönliche Schuld und Schande angesehen.

Hinzu kommt, dass der Glaube die Liebe verdrängt und gute Werke geringschätzig behandelt werden.

"Damit alle Welt sehen möge, dass sie sich nicht auf gute Werke verlassen, tun sie auch keines", klagt Jakob Andreä in der zweiten Häfte des 16. Jahrhunderts.

Dennoch entflammt die Liebe Christi immer wieder neu die Menschen:

Sie alle wollen zwar in die bestehende Not hinein durch tätige Liebe Hilfe bringen, aber an die Quellen der Not, an die sozialen Wurzeln dieser Not wagt sich keiner. Diesen Kampf mit den antichristlichen Wurzeln des Kapitalismus nimmt keiner auf. Das tun andere, zuerst Robert Owen und dann Karl Marx und Friedrich Engels. Sie wollen eine Gesellschaftsordnung erkämpfen, worin es kein Proletariat mehr gibt und wo die aus falschen sozialen Ordnungen entspringende materielle Not in der Solidarität der Gemeinschaft aufgehoben wird.

Das Kommunistische Manifest mit seinem Aufruf "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" will die "Freiheit von Angst und Not" und "Gerechtigkeit für den einfachen Mann".

So tut der unwillig Sohn die Arbeit, die der willige Sohn nicht tut. (siehe Mat. 21, 28-31)

William Henry Beveridge schließlich empfiehlt, die Regierung solle sich vor allem der Bekämpfung der "fünf großen Übel"widmen:

Dies führte letztlich zum Aufbau eines modernen Wohlfahrtsstaates mit einem staatlichen Gesundheitsdienst – zuerst in Großbritannien, dann aber auch in anderen Ländern.