Die Sache Christi

Vor dem Gericht Gottes

Die SACHE CHRISTI gibt eine gewaltige Antwort auf die Frage: Auf was es vor Gott und dem Gericht Gottes ankommt.

Und dabei geht es nicht um ein Gericht an denen, welche die 'große Trübsal' überlebt haben oder um das sogenannte Jüngste Gericht, auch nicht um ein 'Völkergericht', bei dem es angeblich um die Stellung der Staaten zu Israel ('die geringsten Brüder') gehen soll, sondern es geht um ein Gericht des Menschen vor Gott, das immerfort und in allen Völkern gleichermaßen gilt und auch jetzt schon stattfindet. Jesus erzählt davon in Mat. 25, 31-46:

Wenn aber der Sohn des Menschen in seiner Herrlichkeit kommen wird und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen, und vor ihm werden alle Heidenvölker versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet, und er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zu seiner Linken. Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, und erbt das Reich, das euch bereitet ist seit Grundlegung der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt; ich bin ohne Kleidung gewesen, und ihr habt mich bekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht; ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist, oder durstig, und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremdling gesehen und haben dich beherbergt, oder ohne Kleidung, und haben dich bekleidet? Wann haben wir dich krank gesehen oder im Gefängnis, und sind zu dir gekommen? Und der König wird ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan! Dann wird er auch denen zur Linken sagen: Geht hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben; ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich nicht beherbergt; ohne Kleidung, und ihr habt mich nicht bekleidet; krank und gefangen, und ihr habt mich nicht besucht! Dann werden auch sie ihm antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder als Fremdling oder ohne Kleidung oder krank oder gefangen gesehen und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir auch nicht getan! Und sie werden in die ewige Strafe hingehen, die Gerechten aber in das ewige Leben.

Der Maßstab ist: wie wir gegen den Menschen gewesen sind.

Vor Gott zählt nur, wie wir auf die Not der Menschen reagiert haben und wie wir ihnen geholfen haben in den ganz schlichten Dingen des Lebens:

Ob und wie es zählt, wenn wir große Summen gespendet und uns damit einen Namen gemacht haben, wird hier nicht erwähnt. Vielleicht weil man aufpassen muss, dass eine solche Art von Wohltätigkeit immer noch dem Mitgefühl und der Freigebigkeit entspringt und nicht einem maskierten Egoismus.

"Die Menschen werden gerichtet nach der Art, wie sie sich zu Not und Unrecht in ihrer Mitte gestellt haben; wie sie die unteren Volksklassen betrachtet und behandelt haben; wie sie Arbeit und Lohn verstanden und gestaltet, die Wohnungsfrage gelöst haben; wie sie Recht gesprochen haben; wie sie sich gegen die Vertreter fremder Denkweisen, fremden Volkstums, fremder Rassen verhalten haben – kurz wie sie national und international zum Menschen gestanden sind. Danach werden Völker, Kulturen, Zeitalter vor Gott gerichtet." (L. Ragaz)

Was zählt, ist, was die Menschen an Recht, Menschlichkeit, Barmherzigkeit und Freiheit für andere Menschen geschaffen und an ihnen geübt wurde.

Was zählt, ist Gerechtigkeit – vor allem gegen die Schwachen und Armen, gegen die Entrechteten, gegen die, die nicht einmal das Notwendigste zum Leben haben: Essen, Wasser, Heimat, Kleidung, Wärme, Gesellschaft und Zugehörigkeit etc.

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, die Sünde aber ist die Schande der Völker. (Spr. 14, 34)

Was zählt, ist die Zuwendung zum einzelnen, die Hinwendung zum Menschlichen, zum Mitmenschen, zum Bruder und zu "einem dieser Geringsten" und Schwächsten.

Ein 'Herr-wenn-ich-gewusst-hätte-dass-du-es-bist' zählt dann nicht mehr, denn vor Gott ist jeder x-beliebige Mensch der gleichen Hilfe wert, wie wenn es der Sohn Gottes selbst wäre.

Als Franz von Assisi als reicher, begüterter junger Mann, von vornehmer Herkunft und guter Bildung – aber unglücklich, weil er spürte, dass sein Leben unvollkommen war – eines Tages ausritt, begegnete er einem Aussätzigen. Irgendetwas trieb ihn dazu, abzusteigen und diesen ekelerregenden, abstoßenden und entstellten Kranken zu umarmen. Und genau in diesem Moment der Umarmung verwandelte sich das Gesicht des Aussätzigen in das Antlitz Christi.

Von Martin von Tours, einem römischen Soldaten, der für einen frierenden Bettler seinen Mantel zerteilte und ihm eine Hälfte gab, wird erzählt, dass er in derselben Nacht einen Traum hatte. Er sah Jesus und jemand fragte ihn: 'Meister, warum trägst Du diesen abgetragenen, alten und zerrissenen Mantel? Wer hat ihn dir gegeben?' Und Jesus antwortete: 'Mein Freund Martin hat ihn mir geschenkt.'

Die Moral von der Geschicht'

  1. Im Menschen begegnet Dir Gott! – Behandle ihn entsprechend!
  2. Zuletzt wirst Du nur nach einem gerichtet: Ob Du zu den Menschen gerecht gewesen bist, ob Du Liebe geübt hast.
  3. Wir suchen Gott im Lobpreis und der Anbetung, im Bekenntnis und in der Predigt, im Dogma und in der Theologie, aber Gott begegnet uns im Menschen mit seinem heiligen Anspruch, den er von Gott her hat.
  4. Im Verhältnis zur SACHE CHRISTI und zum Reich Gottes kommt zuerst die Gerechtigkeit, dann der Kultus. Dass dem Menschen Gerechtigkeit widerfahre kommt zuerst, und zwar nach dem Willen Gottes.

Leonhard Ragaz:

Das ist wirklich Revolution. Denn wohin wir sonst blicken, sei's im Heidentum, sei's in einem von Christus abgekommenen Christentum, finden wir das umgekehrte Verhältnis, das wir summarisch so ausdrücken können: Zuerst der Kultus, dann die Gerechtigkeit. Und zwar diese oft in sehr weitem Abstand, wenn überhaupt.
Es kommt darauf, dass die Religion anerkannt wird. Es kommt darauf an, dass die Kirche geehrt wird. Es kommt darauf an, dass die rechte Lehre bekannt wird. Es kommt darauf an, dass die Frömmigkeit geübt wird. Es kommt darauf an, dass die Seele gerettet wird. Es kommt, symbolisch geredet, darauf an, dass das Opfer gebracht wird.
So kann neben der eifrigsten Kirchlichkeit, Gläubigkeit und Frömmigkeit der Mensch in Unrecht und Elend, Vergewaltigung und Ausbeutung erniedrigt und geschändet werden, ohne dass man einen Widerspruch merkt. Ja noch mehr: Es kann durch Religion, Christentum, Kirche, Bibel die Verleugnung Gottes im Menschen sanktioniert, die Religion wirklich zum Opium werden und Marx mit diesem Vorwurf gewaltig recht bekommen.
Durch die ganze rechtverstandene Bibel geht der Ruf des Propheten: 'Denn an der Liebe habe ich Wohlgefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis – welche eben Erkenntnis seiner Gerechtigkeit ist –, nicht an Brandopfern.' (Hos. 6, 6)

Es gibt nur einen wirklichen Gottesdienst und das ist Menschendienst. "Was ihr den Menschen getan habt, das habt ihr mir getan."

Gott ist keineswegs immer da, wo man ihn nennt und bekennt, sondern sehr oft da, wo man ihn nicht nennt und bekennt oder gar ihn verleugnet oder bekämpft – aber seinen Willen tut: dass Gerechtigkeit geübt wird.

Apg. 10, 34+35: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern dass in jedem Volk derjenige ihm angenehm ist, der ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt!

Gott ist, wo zuerst nach der Gerechtigkeit gestrebt wird.