Die Sache Christi

Die Waffe des Gebets

Da die SACHE CHRISTI immer wieder gewaltigen Feinden entgegentreten muss, hat Gott ihr eine übergewaltige Waffe in die Hand gegeben. Davon redet Jesus in zwei Gleichnissen:

Luk. 18, 1-8:

Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis, um ihnen zu zeigen, dass es nötig ist, allezeit zu beten und nicht nachlässig zu werden; und er sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und sich vor keinem Menschen scheute. Es war aber eine Witwe in jener Stadt; die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegenüber meinem Widersacher! Und er wollte lange nicht; danach aber sprach er bei sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und mich vor keinem Menschen scheue, so will ich dennoch, weil mir diese Witwe Mühe macht, ihr Recht schaffen, damit sie nicht unaufhörlich kommt und mich plagt. Und der Herr sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Gott aber, wird er nicht seinen Auserwählten Recht schaffen, die Tag und Nacht zu ihm rufen, wenn er auch lange zuwartet mit ihnen? Ich sage euch: Er wird ihnen schnell Recht schaffen! Doch wenn der Sohn des Menschen kommt, wird er auch den Glauben finden auf Erden?

Luk. 11, 5-13:

Und er sprach zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hätte und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Freund, leihe mir drei Brote, denn mein Freund ist von der Reise zu mir gekommen, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann! und jener würde von innen antworten und sagen: Mache mir keine Mühe! Die Türe ist schon verschlossen, und meine Kinder sind bei mir in der Kammer; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben! – ich sage euch: Wenn er auch nicht deswegen aufstehen und ihm etwas geben wird, weil er sein Freund ist, so wird er doch um seiner Unverschämtheit willen aufstehen und ihm geben, so viel er braucht. Und ich sage euch: Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan! Denn jeder, der bittet, empfängt; und wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird aufgetan. Welcher Vater unter euch wird seinem Sohn einen Stein geben, wenn er ihn um Brot bittet? Oder wenn er ihn um einen Fisch bittet, gibt er ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder auch wenn er um ein Ei bittet, wird er ihm einen Skorpion geben? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben versteht, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten!

Leonhard Ragaz:

Gott richtet sein Verhalten weitgehend nach dem Verhalten des Menschen zu ihm und zum Mitmenschen ... damit der Mensch umgekehrt sich nach dem Verhalten Gottes richte ...nur wer das Reich der Liebe anerkennt, kann und darf Gottes Liebe erfahren. Er hält seine Barmherzigekit gegen die Unbarmherzigen zurück; denn nur die Barmherzigkeit darf Barmherzigkeit empfangen. So erzieht Gott den Menschen, indem er ihn zu sich selbst emporzieht ... Gott richtet sich auch in bezug auf das Gebet nach dem Verhalten des Beters. Er erhört ein laues Gebet lau (wir dürfen nun wohl so sagen), aber ein warmes Gebet warm; er begegnet einem matten matt, aber einem dringlichen dringlich. (L. Ragaz)

Das erste und wichtigste Gebet ist das um das Reich.

Mat. 6, 9+10: Deshalb sollt ihr auf diese Weise beten: Unser Vater, der du bist im Himmel! Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden.

Dieses Gebet ist es das Organ der Mitarbeiterschaft des Menschen an Gottes Arbeit, und als solches darf und soll es, ja muss es manchmal zudringlich und unverschämt sein, hartnäckig und anhaltend.

Und je größer, je wichtiger die Erhörung sein soll, desto länger, desto stärker, desto gewaltiger muss solches Anhalten, solches Schreien sein ... Es ist in der Vergewaltigung Gottes Gottes stärkster Sieg – uns gegeben. (L. Ragaz)

Das Gebet schenkt dem Menschen ein Auge für die Gabe Gottes, es macht ihn empfänglich dafür. Von daher macht es durchaus Sinn, dass wir Gott um das bitten, was wir brauchen. Und Gott gibt uns, weil wir bitten.

Aber:

Ein rein privates Beten wird schließlich verwelken und versiegen: denn warum sollte Gott darauf hören? Er ist doch nicht der Diener unserer Wünsche. (L. Ragaz)

Und noch ein Wort zum Thema 'Gebet als Medizin':

Johann Christoph Blumhardt

Johann Christoph Blumhardt, durch den ja viele Befreiungen, Heilungen und Wunder geschahen, war der Gedanke widerwärtig, das Gebet zu einer Art Medizin herabzudrücken. Es war seinem nüchternen Geist unverständlich, wie man das Gebet in einer Weise für Menschen anwendbar machen könne, dass man fast den Anschein gewinnen könne, als ob Gott eigentlich gar nicht wolle und erst durch menschliches Bitten sich etwas abringen und abzwingen lasse. Blumhardt selbst warnte vor jedem heftigen dringlichen Bitten und Beten in menschlichen Anliegen und hielt sich streng nach dem Wort: Trachtet nach dem Reiche Gottes, das andere wird sich schon finden (siehe Mat. 6, 33), und nach dem anderen Wort: Euer Vater weiß, was ihr bedürft, ehe ihr ihn bittet. (siehe Mat. 6, 8+32)

Die Moral von der Geschicht'

  1. Jene falsche Scheu, jene Angst, Gott durch ein unehrbietiges Wort zu nahe zu treten, kennt wahrer Glaube nicht, der beständig die Nähe Gottes sucht, sie stammt vielmehr aus Unsicherheit, Unkenntnis und Ferne Gotte gegenüber.
  2. Das lang Erbetene, das lang Ersehnte, Erhoffte und Erkämpfte kommt oft 'unversehens', wie als Überraschung und als etwas 'Wunderbares'.
  3. Die 'Erwählten' sind die, welche das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit gewählt haben, denn die Tatsache, dass sie so gewählt haben, zeigt dass sie 'Erwählte' sind.
  4. Der Beter bekommt nicht alles, um was er bittet, aber mehr als das: 'über Bitten und Verstehen' hinaus bekommt er den Heiligen Geist als eine Klarheit von Gott her, die in das Trübe und Dunkle unserer Seele hineinleuchtet und einen Weg weist.
  5. Zuletzt aber kommt es weniger auf die Erhörung an als auf die Hörung: die Tatsache, dass wir als Kinder und Mitarbeiter Gottes mit Gott reden dürfen und wissen, dass er uns hört.