Die Sache Christi

Die Zerbrechung des Fatums

Dies ist die zentrale Botschaft der SACHE CHRISTI: Der lebendige Gott erliegt keinem Schicksal, er unterliegt keinem Fatum, er gestaltet immer wieder neu, er ändert Dinge um. Der Schicksalsbegriff der Römer, welcher als 'Spruch' gedeutet wird, der etwas über die Zukunft aussagt und sie damit bestimmt, wird entmachtet.

Die Welt außerhalb von Christus ist von ihrem Wesen her statischer Natur: Die Gottheiten sind ruhende, ihre Offenbarungen sind fertig und abgeschlossen, ihre Geheimnisse sind dem Priester als Mythos und dem Philosophen als Idee zugänglich. (L. Ragaz)

Aristoteles

Für Aristoteles ist Gott der 'unbewegte Beweger'; die in sich ruhende Quelle aller Bewegung, Veränderung und Schöpfung. Der Beweger selbst, von dem alle Bewegung ausgeht, ist selbst unbewegt, ewig, reines Sein und reine Wirksamkeit – aber zuletzt unterliegt er doch dem, was als Ergebnis seines Bewegens und Änderns rauskomt. Es fehlt diesem Denken am Ziel, es fehlt das immer neue lebendige Werden und Schaffen, und damit fehlt es auch an wirklicher Geschichte.

Bei der SACHE CHRISTI jedoch gibt es ein Ziel: die Welt der Gerechtigkeit.

Von Gott gehen fortlaufend Impulse aus, von ihm geht wirkliche Geschichte aus, der lebendige Gott ist weiterhin am Schaffen.

Das philosophische wie auch das wissenschaftliche Denken sind ebenfalls statischer Natur: Die Welt ist eine fertige (statt einer immer noch weiter werdenden) und ihre Wahrheiten sind auch fertige. Die Mathematik ist das ideale Ausdrucksorgan für dieses Denken: Sie bildet die Erkenntnisse von dieser fertigen Welt ab; die Welt ist quasi eine verkörperte Mathematik.

Der Begriff

Er wird zur zentralen Ausdrucksform des logos, der göttlichen Vernunft. Aber er macht das Unendliche endlich, das Fließende fest; er gibt dem Ungeformten eine vollendete Gestalt und schafft so aus dem Chaos den Kosmos (die schön geordnete Welt).

Es entsteht dadurch eine Welt der Logik, zusammengefügt durch eine strenge Ordnung von Ursache und Wirkung, eine Welt des "gezwungenen Zwangs", eine Welt als Maschine. Menschliche Hingabe ist in solch einer Welt eher unpersönlich und sachenhaft. Daraus entsteht der Rationalismus und Intellektualismus, der die Wahrheit in logisch-rationale Formen gepresst hat.

Aber mit dem Entstehen der Gemeinde tritt die SACHE CHRISTI als die stärkste und tiefste Form der Weltrevolution auf und der statischen Welt des Heidentums entgegen.

Allerdings geschieht leider auch hier in Kampf und Frieden eine Verbindung und Vermischung der Philosophie und Wissenschaft des griechischen Denkens mit der Botschaft vom lebendigen Gott und seinem Reich, welches die Gerechtigkeit zum Ziele hat.

Eine ähnlich gewichtige Rolle wie sie Konstantin für die Vermengung der Gemeinde Christi mit dem römischen Staat hat, kommt auf dem Gebiet des Denkens Origenes zu. Unter seinem Einfluss entsteht auf dem Boden des griechisch-philosophischen Denkens ein erstes gewaltiges *Produkt *des Evangeliums: das Dogma. Diese Vermischung des lebendigen Gottes der Bibel mit dem "unbewegten Beweger" des Aristoteles bringt die Lebendigkeit des SACHE CHRISTI in der Statik des griechischen Denkens zur Ruhe. Die lebendige Christuswahrheiten kommen zum Stillstand und erstarren in der Orthodoxie (Rechtgläubigkeit) der Kirchenwahrheiten.

Die Denkschulen der Scholastik

Thomas von Aquino

Durch sie kommt weitere Bewegung in die Welt der Dogmen: Die Offenbarung Gottes in der Geschichte der Menschheit wird zwar wieder etwas, das die bloße menschliche Vernunft nicht fassen kann – sehr wohl aber der Glaube. Dennoch wird die Gestalt des Reiches Gottes weiter aufgelöst. Thomas von Aquino erschafft das wohl größte und allseitigste Werk der Theokratie Gottes. Die wichtigsten Mit-Vertreter dieser Denkschule sind Albertus Magnus, Abälard, Duns Scotus und Wilhelm Occam.

Die Reformation rückt zwar zunächst die Bibel wieder an die Stelle der Scholastik und den Glauben wieder an die Stelle der Vernunft, aber nach und nach macht sich die Wissenschaft – und damit auch die Philosophie – wieder frei aus den Händen der Theologie und gelangt später umso fester in die Hände des Humanismus. Es kommt zu einer gewaltigen Verweltlichung, insbesondere in der Renaissance. (L. Ragaz)

Unter den Denkeinflüssen der Entwicklungstheorie und Differenzialrechnung von Newton und Leibnitz versuchen Lamark und Darwin dann schließlich den letzten verbliebenen Rest an Wunder des menschlichen Lebens mechanisch zu erklären.

Die naturwissenschaftliche Weltanschauumg produziert ein mechanistisches Weltbild. Aus diesem entspringt die Technik, die allen Glauben des Menschen auf sich konzentriert will und auch wird.

Seele, Geist und Freiheit – und mit ihnen der Mensch, wie auch Gott – gehen verloren an die Götter eines statischen, lebenslosen Heidentums, welche sich als Nationalismus, Imperialismus, Kolonialismus, Kapitalismus und Faschismus erheben, und deren Ende Weltkrieg und Nihilismus sind.

Revolution in Physik und Astrophysik

Dann aber beginnt der lebendige Gott ausgerechnet dort, wo man versucht hat, ihn wegzuerklären, durch Männer wie Planck, Einstein, Schrödinger, Eddington und andere, in die kausal-mechanistisch-deterministische Denkweise der Welt als Zwangsmaschinerie einzudringen und zwar mit Zufall und Freiheit, einer solchen Freiheit, an welcher sogar die Materie selbst Anteil hat.

Mit dem zusätzlichen Aufkommen der Psychologie wird die Seele in ihrer Ganzheit aus der Mechanisierung befreit.

Freiheit und Seele werden wieder auf den Herrscherthron der Wirklichkeit gesetzt. Das Fatum, welches nicht nur als Mythos, sondern auch als Idee und Begriff das Denken beherrscht hat, wird durchbrochen. Menschlich-sittliche Wahrheit verschafft sich wieder die Herrschaft über die rein sachenhaft-logische. (L. Ragaz)

William James

William James und Stuart Mill betonen die freie, schöpferische Tat – aus sittlicher Wahrheit und sittlichem Gebot heraus – gegenüber der ruhenden Idee in Form eines Systems. Und Henri Bergson gibt Zeit und Sinn – und der Intuition als Deutung des Sinnes – eine völlig neue Bedeutung.

Unter dem Einfluss der Phänomenologie und Existenzphilosophie, zu deren bekanntesten Vertreter Brentano, Husserl, Scheler, Jaspers und Heidegger zählen, rückt an die Stelle des Anspruchs auf objetive Wahrheit die Beschreibung und Darstellung der Wirklichkeit im Sinne einer bloßen Hindeutung auf die Existenz einer Wahrheit.

Karl Marx

Und nicht zuletzt tritt in Kierkegaard ein mächtiger Kämpfer gegen das System auf, ihm zur Seite Karl Marx, der es auf den Punkt bringt:

"Die Philosophen haben die Welt erklären wollen, wir aber wollen sie verändern."

In der abendländischen Entwicklung, zumindest in der des Denkens, ist der lebendige Schöpfer-Gott zurück am Platz, der in Freiheit herrscht und schafft, der die Freiheit seiner Geschöpfe und Schöpfung setzt, der sich in seinen Taten offenbart und in ihnen erkannt sein will.