Die Sache Christi

Die Bibel als Buch

Ganz bestimmt muss die Bibel als Buch literarisch-historisch betrachtet werden, d.h. es muss gefragt werden nach den Verfassern und der jeweiligen Abfassungszeit, den Quellen und deren 'Echtheit'. Hier ist eine strenge wissenschaftlich-historische Methode angebracht. Ganz bestimmt hat aber die Bibel noch eine andere Gestalt und zum Erschließen dieser Inhalte braucht es einen Schlüssel. Dieser ist:

Die Offenbarung des lebendigen Gottes und seines Reiches der Gerechtigkeit für diese Welt.

Die Bibel als Denk-Welt, als Sinn

In der Heiligen Schrift begegnet uns ein Denken über Gott, die Welt und den Menschen, das sich auf fundamentale Weise von den anderen Arten des Denkens abhebt.

Mögen die biblischen Schriften aus allerlei Quellen zusammengeflossen sein, so sind sie nun doch ein Fluss, ein See, ein Meer. (L. Ragaz)

Trotz der Verschiedenheit der Inhalte und einzelnen Bestandteile ist es ein Ganzes, ein geschlossenes einheitliches Denken, ein Sinn.

Sinn aber muss gedeutet werden. Deutung wiederum braucht die Grenzsetzung durch die 'Grenzpolizei' der historisch-kritischen Methode, damit sie nicht ihrer historischen Gestalt beraubt und in völliger Willkür zur Phantasterei missbraucht wird. Daher versteht sich Deutung mehr als Hindeutung und weniger als Ausdeutung.

Deutung muss pneumatisch sein, d.h. vom Geiste aus geschehen. Sie muss aber auch theologisch sein, d.h. nach dem Gesamtsinn der biblischen Botschaft verstanden werden. D.h. der Sinn des Einzelnen ist aus dem Ganzen deut- und verstehbar.

Dieser Sinn taucht in der Geschichte auf. Somit ist er eine Macht, eine, die in die Geschichte der Menscheit eindringt und Geschichte schafft.

Diesen Sinn erfasst der Glaube, der in der Bibel das Wort Gottes vernimmt – nicht als Buchstaben, sondern als Atmen und Wehen des Geistes.

Die Sprache der Bibel

Weil sie von Gott und seinem Walten redet, ist das Symbol, die Rede durch das Bild, sowie der Mythos, die Darstellung eines Geschehens in der Form des Symbols, die durchgehende Sprache der Bibel. Es ist dies die Sprache des Schauens; sie richtet sich auf den Sinn der Erscheinung, deutet hin auf das Wesen, auf das Ganze, in die Tiefe. Sie ist von ästhetischer Art; sie ist synthetisch, synphonisch und richtet sich auch an die Empfindung und die Intuition. Sie eignet sich daher als Sprache für Letztes und Unaussprechliches und ist als solches ein weitaus wertvollerer Ausdruck der Wahrheit als der Begriff. (l. Ragaz)

Der Begriff:

Das Reden durch den Begriff ist in einem durchgearbeiteten, der Ordnung und Beherrschung der Wirklichkeit dienenden Sinne Sache der Wissenschaft und in einem ungenaueren, mehr dem praktischen Verkehr dienenden Sinne Sache des Verstandes. Er ist, wie man sagt, analytischer Natur, auf das Abgrenzen und Unterscheiden eingestellt; er ist, können wir auch sagen, logischer Art. (L. Ragaz)

Die zentralen Wahrheiten der Bibel von der Schöpfung bis zur Auferstehung treten uns aber eher als mythisches Symbol entgegen, das es zu deuten gilt.