Die Sache Christi

Christentum und Kirche

Die SACHE CHRISTI ist ledier einem großen und tragischen Irrtum verfallen, der sie auf einen Abweg geführt hat und in einzelnen Linien fast zum Stillstand gebracht hätte, wären da nicht immer wieder einzelne gewesen, die sich dem entgegen gestemmt hätten. Das muss nun auch angeschaut werden.

1. Aus dem Reich Gottes, wie es die SACHE CHRISTI verkündet und verkörpert hat, ist das Christentum geworden.

Das kam so:

Die Erwartung eines raschen Abschlusses der Revolution der SACHE CHRISTI erfüllte sich nicht. Stattdessen beginnt eine lange Geschichte, die Petrus in die folgenden Worte fasst: Dieses eine aber sollt ihr nicht übersehen, Geliebte, dass ein Tag bei dem Herrn ist wie tausend Jahre, und tausend Jahre wie ein Tag! Der Herr zögert nicht die Verheißung hinaus, wie etliche es für ein Hinauszögern halten, sondern er ist langmütig gegen uns, weil er nicht will, dass jemand verlorengehe, sondern dass jedermann Raum zur Buße habe. (2. Pet. 3, 8+9)

Auch Jesus selbst hat seine Aussagen über das Kommen des Reiches Gottes nicht in Worte gefasst, die chronologisch zu verstehen gewesen wären.

Mat. 24, 36: Um jenen Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, sondern allein mein Vater.

Die Ankunft Christi (was die genauere Übersetzung des griechischen Wortes parusia ist), vollzieht sich außerhalb der Uhrenzeit in einer ewigen Gegenwart. D.h.: Das Reich Gottes steht heute so neu vor uns wie vor tausend oder zweitausend Jahren, und zwar in doppelter Hinsicht: als Gericht und als Verheißung zugleich. Gott ist wieder einmal nahe.

Die verheißene und ersehnte Weltwende ist in Christus tatsächlich eingetreten, das neue Zeitalter ist angebrochen – darum ist es auch kein Irrtum, wenn unsere Zeitrechnung mit der Geburt Christi als dem Beginn einer neuen Schöpfung einsetzt – aber es ist noch nicht zur Vollendung gekommen. Es steht noch was aus, es kommt noch etwas auf uns zu. Oder besser: Wir gehen auf etwas zu, das noch aussteht. (L. Ragaz)

Unter dem Einfluss Platons mit seinem Ausblick auf das Jenseits rückte die Erwartung des Reiches Gottes an den fernen Horizont des Jüngsten Gerichts. Hand in Hand damit konzentrierte sich die Erlösung nicht mehr auf die ganze Welt, sondern zunehmend auf den Einzelnen. So entstand jener falsche christliche Individualismus, der dann zum heiligen Egoismus entartete und der die Pest der SACHE CHRISTI geworden ist – bis auf diesen Tag.

An die Stelle der Sache Gottes tritt im falschen Sinne die Sache des Menschen, individuell oder kollektiv verstanden, aus der theozentrischen des Reiches Gottes wird die anthropozentrische, wenn nicht gar egozentrische Orientierung des Christentums. (L. Ragaz)

Damit wird aus der aus einer revolutionären SACHE CHRISTI eine konservative. Christus aber wird zum Schutzpatron der bestehenden Ordnungen gemacht und damit zur festesten Stütze der Reaktion.

Es tritt damit der Verzicht auf den Sieg Christi über diese Welt ein, indem er auf das Jenseits und die Zeit nach dem Jüngsten Gericht verschoben wird – welch ein pessimistischer, ja fatalistischer Ausblick!

Weil die SACHE CHRISTI damit ihre Siegeshaltung einbüßt, verliert sie auch an Siegeskraft und gerät in eine gewisse Angst vor der Welt.

Daraus entsteht die Erscheinung der Askese und des Servilismus (Unterwürfigkeit/Ergebenheit) gegenüber den Mächten der Welt, insbesondere dem Staat und seiner Obrigkeit. Jener Pessimismus, der zur Sanktion der bestehenden Weltordnung wird, bringt jene gesetzliche Kleinlichkeit hervor, die nach und nach zum Charakteristikum eines speziellen Christentums wird, die zur pharisäischen Heuchelei und Bigotterie (Scheinheiligkeit) wuchert. (L. Ragaz)

Der Verzicht auf den Sieg kostet schließlich fast den Sieg. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

2. Aus dem Evangelium (der frohen Kunde vom Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit) wird die Orthodoxie (Rechtgläubigkeit).

Das kam so:

Die Botschaft von dem lebendigen Gott und seinen lebendigen Wahrheiten wurden von Kirchenfunktionären in langen Konferenzen (Konzile) zu theologischen Wahrheiten geformt, zum Dogma, zum Credo (Bekenntnis), zum leblosen System und schießlich zur Theologie. (L. Ragaz)

Die lebendige Wahrheit der SACHE CHRISTI wird in die starren Formen der Lehre und des Credos gegossen. Auf diese Weise glaubt man, man habe sie dann. Das Dogma wird zum Gesetz. Und zu guter letzt wird von der Stellung zum Dogma die Zugehörigkeit zu Christus und zur Kirche abhängig gemacht.

Damit kommt es fast zum kompletten Stillstand der Offenbarung der Wahrheit. Der Glaube als Bekenntnis, als Zustimmung des Kopfes zur Lehre der Kirche, ersetzt die Liebe, die aus Glauben tätig wird.

Gal. 5, 6: Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirksam ist.

Statt einigender Liebe aus dem Glauben an die SACHE CHRISTI wird endloser Streit um die Lehre, welche in der Form der Inqusition und des Scheiterhaufens seinen krassesten Ausdruck erhält.

3. Aus der Gemeinde Christi wird die Kirche.

Das kam so:

Der römische Kaiser Konstantin wollte die SACHE CHRISTI aus Kampf und Verfolgung befreien und macht sie zur Religion des Staates. Damit bereitete er den Übergang von der Gemeinde zur Kirche.

Diese wird somit Trägerin, aber nicht des Reiches Gottes wie es die SACHE CHRISTI hervorbrachte, sondern sie wird Trägerin des Christentums als Religion.

Sie erhält ihre vollendetste Gestalt schließlich in der römisch-katholischen Kirche.

Die Kirche hingegen vertritt dies als Religion und das ist eine menschliche Mache und Sache, das ist ihre Angelegenheit, mit der sie ihre Ziele verfolgt, vor allem eines: Macht. Und damit dient sie der eigenen Ehre – und dem Mammon mit anhaltender Machtgier. (L. Ragaz)

Die Gemeinde als wahre Trägerin der SACHE CHRISTI jedoch kann diese nur vertreten im Kampf und in der Arbeit für die Gerechtigkeit Gottes in der Welt.

4. Aus dem Evangelium vom Reich Gottes wird das Evangelium von der Rechtfertigung aus Glauben allein.

Das kam so:

Die Briefe des Apostels Paulus werden in der Reformation, insbesondere durch Luther und das Luthertum, äußerst einseitig verstanden und durch diese Konzentration auf den Römer- und Galaterbrief wird die Bergpredigt verdrängt. Damit gerät die die Botschaft vom Reiche Gottes gerät ziemlich in den Winkel. Zum Schutz vor der Werkegerechtigkeit wurde das Element der Tat verkürzt, das mit der SACHE CHRISTI ganz tief verbunden war.

Wenn aber die Tat nicht mehr so wichtig ist, tritt an ihre Stelle die Theorie. Entsprechend trat an die Stelle die Nachfolge das Credo und die Orthodoxie. (L. Ragaz)

Hinzu kam, dass der tiefe Zweifel an der Kraft des Menschen (siehe Röm. 7) die Sieghaftigkeit der SACHE CHRISTI (siehe Röm. 8) auslöscht. Denn wenn es mit dem Menschen und seinem Vermögen so steht, wie es nach dieser pessimistischen Auffassung der Apostel Paulus angeblich darstellt, dann ist alles Hoffen auf Veränderung dieser Zustände durch menschliches Bemühen und Kämpfen umsonst und nichts als eine eitle Angelegenheit.

Daneben werden auch die wirklichen oder vermeintlichen Aussagen des Paulus zu Staat und Obrigkeit (siehe Röm. 13, 1-8), zur Sklaverei (siehe 1. Kor. 7, 20-24) und zur Frauenfrage (siehe 1. Kor. 11, 2-16 und 14, 34-36) so verstanden, dass sie zur festen Stütze des Status Quo werden. (L. Ragaz)

Man könnte geradezu sagen, dass in der Reformation Paulus an die Stelle von Jesus gerückt wurde,weil Jesus durch Paulus erklärt wird. Auch wird die große Botschaft der SACHE CHRISTI zum Privaterlösungsevangelium: Das Angebot der Gnade Gottes wird zum billigen Angebot des persönlichen Heils, das den Herrschaftsanspruch Gottes auf diese Welt außen vor lässt bzw. in die ferne Zukunft verlegt.

5. An die Stelle des Heiligen Geistes tritt die Auslegung der Bibel.

Das kam so:

Eigentlich war ja die Bibel als Buch des Volkes gedacht. Aber dann kam das Bedürfnis nach korrekter Auslegung auf und als Folge davon geriet das Wort Gottes wieder vom Volk weg in die Hände der 'Profis', der Schriftgelehrten. Diese treten damit wieder zwischen Gott und Mensch. Damit aber führt der Weg des Glaubens wieder von Gott weg und hin zu den Theologen.

Die Auslegung der Bibel wird zum Schutz der Welt vor Gott und auch das Christentum als Religion wird vor der Bibel geschützt.

Obwohl nirgends in der Bibel unter Wort Gottes ein Buchstabe, eine Schrift oder gar die Bibel selbst verstanden wird, sondern immer nur das unmittelbare Reden Gottes durch seinen Geist (Inspiration), durch seine Taten und Werke, kommt es dennoch zur Gleichsetzung der Bibel mit dem Worte Gottes. (L. Ragaz)

Damit wird der Heilige Geist an den Buchstaben der Bibel gebunden und gelähmt. Die Gemeinde wird davon abgelenkt, in der SACHE CHRISTI unmittelbar auf Gott selbst zu hören. Statt auf seine lebendige Stimme durch den Heiligen Geist zu lauschen – auch beim Lesen der Bibel – wird den Auslegungen und Predigten des geschriebenen Wortes gelauscht.

Das lebendige Wort Gottes durch seine Propheten wird abgelöst von den Predigten der professionellen Ausleger.

6. Aus dem Evangelium für die Armen wird das Wohlstandsevangelium.

Das kam so:

In der Neuzeit, insbesondere in den USA kommt die theologische Auffassung auf, nach der Wohlstand – vor allem Geldvermögen – und persönlicher Erfolg der sichtbare Beweis für Gottes Gunst seien. Wohlstand sei vorherbestimmt oder gewährt für großen Glauben und wirksames Gebet. Damit entspricht dieses Konzept jedoch eher dem 'American Dream', dass Fortschritt, Erfolg und Reichtum von jedem erreichbar seien.

Soviel ist klar:

Es muss zu einer radikalen Umkehr kommen!